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Macht der Videobeweis den Fußball kaputt?

Macht der Videobeweis den Fußball kaputt?

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Ein Aufreger mehr

Der Videobeweis sollte den Fußball gerechter machen. Bei der WM konnte man eine Ahnung davon bekommen, was damit gemeint sein könnte. In der Bundesliga war das Unverständnis über einige Entscheidungen allerdings schon wieder so heftig, dass die ersten ihre Pfeife bereits nach dem ersten Spieltag niederlegen mussten. Wolfgang Stark – immerhin 20 Jahre Unparteiischer in der Bundesliga und zweimal DFB-Schiedsrichter des Jahres – wird bis auf Weiteres nicht mehr Videoschiedsrichter sein. Schiri, wir wissen, in welchem Keller Du sitzt!

Ich hätte den nicht gegeben

Das Problem mit dem Videobeweis ist ein strukturelles: Fehlentscheidungen wurden schon immer heftig diskutiert, was man so alles sehen müsse als erfahrener Referee. Oft wurden die Schiedsrichter hinterher entlastet, weil auch Fans, Spieler und Trainer erst nach der fünften Zeitlupe gesehen haben, wer da wen wo getroffen oder eben nicht getroffen hat, obwohl da einer einen Schlag gespürt hat. Heute haben Schiedsrichter im Keller in Köln oder auf dem grünen Rasen in Düsseldorf zwar alle Kameraperspektiven vor Augen, aber was passiert? Sie sehen trotzdem die Schwalben nicht, die sogar der Trainer des fliegenden Franks einräumt. Das wirft nicht nur die Frage nach Qualität der Schiedsrichter sondern auch deren Entscheidungsbefugnis auf. Wer hat denn jetzt das Sagen? Die im Keller oder die auf dem Rasen?

Halbzeitpfiff – Von Maltesern und Bananen

Früher waren es die auf dem Rasen. 1975 pfiff Wolf-Dieter Ahlenfelder bereits nach 30 Minuten im Weser-Stadion zur Halbzeit. Schuld daran ist ein üppiges Gänseessen des Bundesligaschiedsrichters und seiner Assistenten unmittelbar vor Anpfiff der Partie. Gans, Rotkohl und Klösse lagen so schwer im Magen, dass die Herren Unparteiischen beschlossen nachzuspülen: Zunächst mit Bier und als das nicht die erhoffte lindernde Wirkung erzielte mit Malteser (!)"Wenn man in Bremen einen Ahlenfelder bestellt, bekommt man ein Malteser-Bier-Gedeck. Da bin ich stolz drauf." Sagte der Mann, der das Spiel nach Beschwerden der Spieler noch einmal anpfiff, um es nach 42 Minuten ein zweite Mal zu früh abzupfeifen. Auch heute kann man Spiele zu früh abpfeifen. Auch ohne Gänsekeule, aber mit Videobeweis. Ohne Wolf-Dieter, dafür mit Guido. Guido Winkmann bekam in der Saison 2017/2018 erst nach Halbzeitpfiff von Videoassistentin Bibiana Steinhaus den Wink, dass ein Handelfmeter für Mainz gegen Freiburg zu pfeifen sei. Nils Petersen gab hinterher zu Protokoll, bereits eine Banane, aber keinen Ahlenfelder gegessen zu haben.

Was ist im Fußball schon gerecht?

Der Videobeweis ist gut gedacht, doch gegenwärtig nicht dolle gemacht. Weil keiner weiss, wer jetzt eigentlich wann das Sagen hat und sich so mancher die gute alte Tatsachenentscheidung zurückwünscht. Lieber Unrecht ohne Beweise als mit. Diese Art der Beweisführung Das sorgt jedenfalls für Aufregung. Zu recht. Die Entscheidungen der Schiedsrichter dauern zu lange und Spieler und Zuschauer fordern bei jedem Ballkontakt, ob Kopf, Bauch oder eigener Mann HAND!!!! ELFMETER!!! Doch das das Problem mit dem Videobeweis ist tiefliegender Beim Fußball können sich 100 Menschen 100 mal die gleiche Szene anschauen und niemals werden 100 am Ende sagen: Elfer, Rot, Gelb, Tätlichkeit, Foul, taktisches Foul, Nachspielzeit genau richtig. Die menschliche Wahrnehmung ist mannigfaltig wie der Fußball ein komplexes Spiel ist. Sein Regelwerk dient lediglich dazu, dass alles einigermaßen gerecht zu geht, selbst wenn in jedem Spiel vor den Augen von Millionen Millionen Fehlentscheidungen getroffen werden.

Zuviel versprochen?

Der Videobeweis tut aber so als müsste wir uns alle Szenen nur lange genug anschauen. Wir empfehlen zur Überprüfung dieser These die folgenden Szenen im Freundeskreis zu diskutieren ohne sich die Köpfe einzuschlagen ;-)

  • War das Wembley-Tor Tor oder nicht Tor?
  • Wusste Stefan Kießling nach seinem Phantom-Tor in Hoffenheim, dass der Ball nicht drin war?
  • War es eine Schwalbe von Bernd Hölzenbein im WM-Finale 1974?
  • Kann man der Freistoss für Frankreich im WM-Finale gegen Kroatien 2018, der zum 1:0 führte, geben?
  • Warum werden überhaupt so viele Elfmeter nicht gegeben, obwohl an anderer Stelle des Platzes Foul gepfiffen worden wäre?
  • Wann "reicht" ein Foul für einen Elfmeter und wann nicht?
  • Geniesst der Torwart im Fünfmeter-Raum einen besonderen Schutz?

Der Videobeweis erhöht noch einmal die vermeintlich relevanten Szenen rund um den Torerfolg. Auch solche bei denen selbst in emotionsgeladenen Arenen niemand höheren Puls bekommt. Der Videobeweis setzt plötzlich Szenen auf die Tagesordnung, die vorher keinen Anlass zum Protest gaben und später Auslöser für einen landesweiten Aufschrei sind.

Von anderen Sportarten lernen

Christian Blasch kennt sich gut mit Schlägern und kleinen Bällen aus. Er kommt aus einer Sportart, die im Umgang mit Regeländerungen stets sehr innovativ war.Christian Blasch ist Hockeyschiedsrichter. Es gibt viele, die sagen. Der Beste.

Im Hockey greift der Videoschiedrichter nur ein, wenn einer der beiden Schiedsrichter (im Hockey gibt es zwei gleichberechtigte Schiedsrichter) oder die Teams eine Beweis per Video einfordern, der nur bei den relevantesten Entscheidungen gezogen werden darf: Strafecken-, Siebenmeter- oder Tore. Seit den Teams das Einspruchsrecht gewährt wurde, das man im übrigen so oft pro Spiel ausüben kann, wie man Recht behält, kommen 8 von 10 Forderungen nach dem Videobeweis von Seiten Spieler. „Das hat enormen Druck von den Schiedsrichtern genommen. Ich empfehle dem Fußball dringend, das auch einzuführen“, sagte Blasch dem Hamburger Abendblatt.

Außerdem mahnt Blasch an, dass der Schiedsrichter seinen Videoassistenten überprüfen kann. Damit ist zu keiner Zeit klar, wer eigentlich den Hut, aber klar, dass alle später die Eselsmütze aufhaben. Wäre doch schöner, wenn Fans, Spieler und Trainer nach Abpfiff sagten: Hut ab, Schiri! Statt Slapstick! Möge es so kommen! Darauf einen Ahlenfelder ;-)